
Historie
Die kaiserliche Musikkultur wuchs wie das Habsburger-Reich im Rhythmus der Jahrhunderte. Seine größte Ausdehnung auf der Welt hatte es unter Kaiser Karl V. ( † 1558), der auch König von Spanien war und über America Hispanica regierte. Die Habsburger verloren zwar Spanien und die Niederlande, doch sie gewannen Länder im Osten, bis in die heutige Ukraine und Rumänien. Die rund 550 Jahre Herrschaftsgeschichte sind ebenso viele Jahre österreichische Musikgeschichte – von den Minnesängern bis zur Blüte der Wiener Hofoper unter Gustav Mahler als Dirigent. Die Republik Österreich übernahm dieses Erbe nach dem Ende der öster-reichisch-ungarischen Monarchie 1918 und pflegt es würdig weiter. An die Stelle des kaiserlichen „Obersthofmeisteramts“ trat das Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur.
Als Maximilian I. im Juli 1498 seine Hofbeamten schriftlich anwies, „zu Wien ain Capellen aufzurichten“, damit diselben unser Singer alle Tag ain Ambt singen“, wurden die kaiserlichen Musiker und die Chorknaben im Hofdienst deutlich aufgewertet. Dieser Auftrag ist als Gründungsdokument der Hofmusik-kapelle wie auch der Wiener Sängerknaben bekannt. Doch bereits 1296, kurz nach der Übernahme der Herrschaft im damaligen Herzogtum Österreich durch die Habsburger, ist eine Wiener Hofkapelle nachweisbar. Die Musiker hatten geistliche und weltliche Feste mit ihrer Kunst zu begleiten. 1365 wurde in Wien die Universität gegründet. Im 15. Jahrhundert zog der Hof Musiker aus Flandern und Wallonien an.
Sie brachten feine neue Techniken mit, die bald als „niederländische Vokalpolyphonie“ bis zur Ablösung durch die Italiener im frühen 17. Jahrhundert den Ton angaben.
Als der junge Maximilian, „der letzte Ritter und erste Kanonier“, 1477 seine Maria von Burgund heiratete, übernahm er auch die burgundische Hofkapelle. Mit der Herrschaft über Tirol und die Vorlande kam 1490 auch die Innsbrucker Hofkapelle mit dem berühmten Organisten Paul Hofhaimer in Maximilians Dienst. Die Musikanten begleiteten den für die bildenden Künste, die Musik und die Jagd begeisterten Maximilian auf die jährlichen Reichstage kreuz und quer durch Mitteleuropa. Als ersten Hofkapellmeister berief Maximilian 1498 den Laibacher Domherrn Georg von Slatkonia, 1513 ernannte er ihn zum ersten Bischof von Wien. Der flämische Komponist Heinrich Isaac schuf das Lied „Innsbruck, ich muss dich lassen“, dessen Text dem Kaiser zugeschrieben wird. Maximilians Nachfolger holten ebenfalls niederländische Musiker nach Wien, so Arnold de Prugkh, Johannes Vastelletti, Jakob Vaet, Philipp de Monte, Lambert de Sayve.
Kaiser Ferdinand II. heiratete 1622 Eleonora Gonzaga von Mantua. Mit ihr kamen auch italienische Musiker an den Wiener Hof. In Wien zogen bald auch die italienische Oper und das Ballett ein. Die Hofkapellmeister hießen nun Giovanni Priuli, Giovanni Valentini, Antonio Bertali, Giovanni Felica Sances und Antonio Ziani.
Bei festlichen Anlässen, ob Vermählungen oder Trauerzeremonien, entfaltete sich immer mehr barocke Pracht. Die Kaiser Ferdinand III., Leopold I., Joseph I. und Karl VI. bewiesen ihre musikalische Begabung mit eigenen Kompositionen. Die prunkvollste Oper wurde zur Vermählung Leopolds I. mit Margarita von Spanien gegeben: „Il pomo d’oro“ von Antonio Cesti und Francesco Sbarra. Daneben blühte die italienische Kirchen- und Kammermusik in allen Farben neuester Moden. Der Komponist Antonio Caldara bekam mit dem Hofkapell-meister Johann Joseph Fux einen Österreicher als Konkurrenten. Fux stand bei Kaiser Karl VI. in höchstem Ansehen und beglückte den Hof mit Opern, Oratorien und Messen. Kaiser Karl VI. starb im Jahr 1740, Johann Joseph Fux 1741. Mit ihnen ging eine Epoche zu Ende, in der die Musikpflege mit ihren vielen patriotischen Anlässen der imperialen Selbstdarstellung diente. Die Notenarchive der Hofmusiker („Hofmusikarchiv“) aus diesen fruchtbaren Jahren bilden den Grundstock der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek.
Kaiserin Maria Theresia (1740 - 1780) bewertete den politischen Nutzen der Hofmusikkapelle als gering. Durch ihrer Heirat mit Franz Stephan von Lothringen kam das Kaiserhaus zum Namen Habsburg-Lothringen. Die Aufklärung predigte Schlichtheit und Sparsamkeit. Die Hofmusik wurde darum auch eher spärlich dotiert und auf den Dienst in der Kirche und zur Unterhaltung im Familienkreis beschränkt. Maria Theresias Sohn Joseph beabsichtigte im Rahmen seiner radikalen Reformen die lateinische Messe aus der Hofburgkapelle zu verbannen.
1778 wurde Antonio Salieri zum Hofkapellmeister bestellt und blieb es bis 1824. Zu seiner Zeit bekamen die Messen Mozarts ihren Fixplatz im Repertoire: die Krönungsmesse, die Missa aulica, die Piccolomini-Messe, das Requiem. Auch Messen von Michael und Joseph Haydn holte Salieri in die Hofburgkapelle. 1808 wurde der elfjährige Franz Schubert als Hofsängerknabe aufgenommen. Er fand in Salieri einen großherzigen ersten Lehrer. 1826 bewarb sich Schubert vergebens um die Stelle eines Vize-Kapellmeisters. Salieris Nachfolger wurden Joseph von Eybler, ein Freund Mozarts, und Ignaz Assmayr, beide als Komponisten hochangesehen.
1806 fand das „Heilige Römische Reich deutscher Nation“ im Zuge des Machtgewinns von Napoleon sein Ende. Seit 1273 hatte das Haus Habsburg mit wenigen Unterbrechungen die römisch-deutschen Kaiser und Könige gestellt. Als österreichischer Kaiser blieb Franz I. zuletzt beim Wiener Kongress 1815 unter den Siegern. Doch die Kriege hatten den repräsentativen Hofstaat erschöpft. Das Bürgertum war vom politischen Geschehen ausgeschlossen. Umso eifriger pflegte es die schönen Künste, vor allem die Musik. Im Konzertwesen gaben bald nicht mehr die Hofkapellmeister den Ton an, sondern die Vorstände der „Gesellschaft der Musikfreunde“, die 1812 als Verein gegründet wurde und bis heute öffentliche Konzerte veranstaltet. Viele hervor-ragende Sänger und Instrumentalisten traten bei Hof und in den Bürgerpalais und Konzertsälen auf. Die Hofmusikkapelle pflegte die Kirchenmusik und sorgte für die feierliche musikalische Umrahmung der Krönungszeremonien. 1842 reiste Hector Berlioz nach Wien und notierte:
„Die kaiserliche Kapelle wird von einer Auswahl der besten Instrumentalisten und Sänger Wiens gebildet und ist notwendig vorzüglich. Sie besitzt einige Chorkinder, die mit hübschen Stimmen begabt sind. Das Orchester ist nicht sehr zahlreich, aber vorzüglich“. Im selben Jahr kam auch Gaetano Donizetti das erste Mal nach Wien und dirigierte Rossinis „Stabat Mater“ in Anwesenheit des Hofes. Kaiser Ferdinand I. ernannte Donizetti zum „K. u. K. Kammerkapellmeister und Hofkompositeur“ mit der Verpflichtung, in jedem Jahr sechs Monate in Wien zu verbringen. Für Wien schrieb er eine Neufassung seines „Miserere“ für die Karwochenliturgie.
Kaiser Franz Joseph I. nahm an den Geschicken der Hofmusikkapelle nur wenig Anteil. Die Hofkapellmeister Johann Ritter von Herbeck und Hans Richter vertieften die Beziehungen zur Hofoper und zu den von Otto Nicolai 1842 gegründeten Wiener Philharmonikern. Nicolai, Schöpfer der Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“, hinterließ eine Messe, die heute noch im Repertoire der Hofmusikkapelle ihren Platz hat. In der Hofburgkapelle wurde mehr Bedacht auf den künstlerischen Namen und die Qualität der Kompositionen gelegt – dies zu Lasten der religiösen Vertiefung.
1878 wurde Anton Bruckner, der „Musikant Gottes“, als beamteter Organist in die Hofmusikkapelle aufgenommen – nach langen Jahren des Wartens, denn zehn Jahre lang tat er schon Dienst als „exspectierender k.k. Hoforganist“. Von ihm ist bekannt, dass seine Stärke an der Orgel die Improvisation war, und weniger die Begleitung von Sängern oder das Vom-Blatt-Spielen der zu den jeweiligen Anlässen ausgewählten Werke aus dem Kirchenmusik-Repertoire.
In den letzten Jahren der Monarchie, für Wiens Kunst- und Geistesleben eine goldene Epoche, gestand der Hof seinen Musikern bessere Bezüge zu. Denn inzwischen waren auch die Gagen in der vom Publikum geliebten neugebauten Hofoper gestiegen.
Mit dem Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie am 12. November 1918 schwanden für die Hofmusiker jäh die materielle Sicherheit und gesellschaftliche Position. Doch nur sieben Wochen lang war der Betrieb gelähmt. Am Dreikönigstag 1919 wurde bereits wieder eine Messe aufgeführt. Wiens Musik-freunde wollten die Hofmusikkapelle erhalten wissen. 1921 wurde sie in die Verwaltung des Unterrichtsministeriums eingegliedert. Die Hofsängerknaben lösten sich als Institution langsam auf.
Die Hofburgkapelle wurde der Pfarre St. Augustin zugeordnet und einem Kirchenrektor anvertraut: dem Religionsprofessor Josef Schnitt. Nachdem verschiedene Spendenaktionen nicht den gewünschten Erfolg brachten, verpflichtete sich Schnitt, das Institut Sängerknaben aus eigenen Mitteln wieder zu gründen. 1924 fand die erste Aufnahmeprüfung statt, 1925 sangen schon wieder Knaben die Oberstimmen in der Burgkapelle.
Nach neuen Turbulenzen half der Direktor der Wiener Staatsoper, Franz Schalk, als „Ehrendirigent“ der Hofmusikkapelle. Nach dem Ende seiner Operndirektion, 1929, wurde er künstlerischer Leiter der ehemaligen Hofmusikanten und blieb es bis zu seinem Tod 1931. Seine besondere Liebe galt den Messen von Franz Schubert. Nach Schalk übernahm der Dirigent Clemens Krauss für kurze Zeit die Leitung. Der Dirigent Ferdinand Grossmann intensivierte die Bruckner-Pflege. Er wurde nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich auch künstlerischer Leiter – während sich Rektor Schnitt als Kaplan in das Kloster St. Augustin retten konnte.
Die Nationalsozialisten nutzten die Hofmusikkapelle und die Wiener Sängerknaben als Propagandainstrumente. Mit der Pflege liturgischer Musik in eigener Regie sollte über ihre Kirchenfeindlichkeit hinweggetäuscht werden. Nach der Befreiung Wiens durch die Sowjet-Armee im April 1945 übernahm wieder Rektor Schnitt die administrative Leitung der Hofmusikkapelle. Der Dirigent Josef Krips, im Dritten Reich mit Berufsverbot belegt, stellte sich von Mai 1945 bis 1955 als künstlerischer Leiter ans Pult. 1948 wurde das 450-Jahr-Jubiläum der Hofmusikkapelle im Konzerthaus mit Beethovens „Missa solemnis“ festlich begangen. 1998 feierte man 500 Jahre Hofmusikkapelle in Wien und die Österreichische Nationalbibliothek zollte mit der Ausstellung „Musica Imperialis“ ihren Respekt.
